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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2 — Schatten der Vergangenheit


Sie gab sich einen Tag. Wer eine Einladung annimmt, ohne vorher zu recherchieren, ist kein Journalist, sondern ein Gast, und Selina hatte nicht vor, als Gast in dieses Haus zu gehen.

Um Viertel nach acht stand sie vor dem Verlagsgebäude, in dem sie sieben Jahre gearbeitet hatte. Es sah aus wie immer, nur die Drehtür war neu und leiser. Am Empfang saß niemand, den sie kannte. Sie sagte einen Namen, wartete zwanzig Minuten auf einem Stuhl aus gebogenem Metall und zählte die Deckenplatten, bis Verhoeven aus dem Aufzug kam.

Er war grauer geworden und schwerer, und er blieb zwei Schritte vor ihr stehen, was alles sagte.

„Selina.“

„Ich brauche zehn Minuten.“

„Ich habe fünf.“ Er ging nicht mit ihr nach oben. Er ging mit ihr in den Innenhof, wo die Raucher standen, und er stellte sich so hin, dass er die Tür im Blick hatte.

Sie zeigte ihm die Fotokopie. Er las drei Zeilen und gab sie ihr zurück, als wäre sie heiß.

„Woher hast du das?“

„Aus meinem Briefkasten. Verhoeven, du hast mir damals gesagt, alles sei vernichtet worden. Sämtliche Ausdrucke, die Sicherungskopien, die Notizbücher. Du hast das Wort vernichtet benutzt, ich weiß es noch genau, weil ich es dir nicht geglaubt habe und weil du daraufhin lauter geworden bist.“

Verhoeven sah auf seine Schuhe. Ein junger Mann trat aus der Tür, sah die beiden, drehte sich um und ging wieder hinein.

„Es ist nicht verschwunden“, sagte Verhoeven leise. „Es ist gekauft worden.“

Selina spürte die Kälte des Innenhofs plötzlich richtig, durch den Mantel hindurch, an den Handgelenken.

„Was heißt gekauft.“

„Was es heißt. Es kam ein Angebot für das gesamte Material. Recherche, Rechte, Quellenschutzverpflichtungen, alles in einem Paket. Es war viel Geld, Selina. Es war so viel Geld, dass die Geschäftsführung mich nicht gefragt hat, sondern mir mitgeteilt hat.“

Er hob endlich den Kopf. „Ich habe unterschrieben, dass ich nichts dazu sage. Das war vor fünf Jahren. Ich sage dir das jetzt trotzdem, weil du hier stehst und weil ich seitdem nicht besonders gut schlafe.“

„Wer hat gekauft?“

„Eine Holding. Der Name im Vertrag hat sechs Wochen später nicht mehr existiert.“

„Verhoeven.“

„Ich weiß es nicht.“ Er sagte es zu schnell. „Ich weiß, wer den Vertrag gebracht hat, und das ist nicht dasselbe.“

„Und wer hat ihn gebracht?“

Er sah sie an, und in seinem Gesicht war etwas, das sie erst später als Scham erkannte. „Ein Anwalt von Blackwood Holdings.“

Die fünf Minuten waren um. Er ging, ohne sich zu verabschieden.

Um halb zwölf saß sie in einem Café gegenüber einer Autowerkstatt und wartete auf Robert Lenz. Lenz war ihre zweitwichtigste Quelle gewesen, ein Sachbearbeiter in einer Genehmigungsbehörde, ein vorsichtiger, freundlicher Mann mit einer Aktentasche aus Kunstleder, der ihr damals dreimal Unterlagen kopiert hatte, unter Angst, mit zitternden Händen.

Er kam mit einer Aktentasche aus Leder. Er kam in einem Mantel, der so viel gekostet hatte wie Selinas halbe Jahresmiete, und er stieg aus einem Wagen, den er selbst fuhr und für den er keine drei Jahresgehälter aufgebracht hätte.

„Frau Moreau.“ Er setzte sich nicht.

„Herr Lenz.“

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“

„Ich habe Ihnen etwas zu zeigen.“ Sie legte die Kopie auf den Tisch, mit der Randnotiz nach oben.

Er sah sie eine Sekunde zu lang an. Dann setzte er sich doch, ganz vorn auf die Kante des Stuhls, wie jemand, der gleich wieder geht.

„Wo haben Sie das her.“

„Sagen Sie mir, wer Ihnen den Mantel bezahlt hat, und ich sage es Ihnen.“

Lenz lachte kurz und ohne Fröhlichkeit. „Sie sind noch genauso. Das ist fast schön.“ Er rieb sich mit dem Daumen über die Handfläche, eine Bewegung, die sie kannte, da er sie damals immer gemacht hatte, bevor er ihr etwas gab.

„Frau Moreau, ich habe drei Kinder. Ich habe damals ein Gespräch geführt. Nicht mit einer Firma. Mit zwei Herren, die sehr höflich waren und die alles über meine Frau wussten, und am Ende dieses Gesprächs hatte ich eine Stelle in der Aufsicht und eine Verschwiegenheitsvereinbarung, die ich nicht einmal gelesen habe.“

„Wie hießen die Herren?“

„Sie nennen keine Namen. Sie nennen nicht einmal die Firma.“ Er beugte sich vor, und seine Stimme wurde so leise, dass sie ihn kaum verstand. „Einer von ihnen hat einmal etwas gesagt, das ich nicht verstehen sollte. Er hat gesagt, es sei nichts Persönliches, es sei nur eine Frage der Zuständigkeit, und dann hat er das Wort benutzt. Orbis.“

„Orbis.“

Lenz stand auf, so abrupt, dass sein Stuhl kippte. „Ich habe das nicht gesagt. Ich war nicht hier.“ Er nahm seine Tasche. An der Tür drehte er sich noch einmal um, und für einen Moment war er wieder der Mann mit der Kunstledertasche. „Frau Moreau. Es tut mir leid. Es hat mir all die Jahre leidgetan.“

Dann war er draußen.

Selina blieb sitzen und schrieb das Wort in ihr Notizbuch. Vier Buchstaben, ein lateinischer Kreis. Sie kannte es. Nicht aus ihrer Recherche, sondern von danach: aus zwei Redaktionsfluren, in denen es Leute gab, die halb im Scherz behaupteten, es gebe eine Firma, die Geschichten kaufe, bevor sie erscheinen. Man erzählte das so, wie man vom Yeti erzählt.

Am Nachmittag ging sie nach Hause, holte doch den Schuhkarton herunter und setzte sich damit auf den Boden.

Das Armband. Das Foto aus dem Großraumbüro, ihr Schreibtisch, zwei Kaffeetassen, ein Post-it am Bildschirmrand. Und ganz unten die Sache, an die sie seit fünf Jahren nicht gedacht hatte, weil sie sie für Einbildung gehalten hatte.

Drei Tage vor dem Anruf hatte es an ihrer Wohnungstür geklingelt. Draußen hatte ein Mann gestanden, groß, grau, mit einem sehr sauberen Mantel und der ruhigsten Stimme, die sie je gehört hatte. Er hatte gesagt, er sei zufällig im Haus. Er hatte gesagt, es gebe Geschichten, die keinem nützen, am wenigsten der Frau, die sie schreibt.

Er hatte sich nicht vorgestellt. Er hatte ihre Hand nicht angefasst, aber sie hatte seine gesehen, als er sich am Türrahmen abstützte: breite Knöchel, flach und schief zusammengewachsen, wie bei jemandem, der sie sich mehr als einmal gebrochen hat.

Sie hatte ihm damals die Tür vor der Nase zugemacht, war stolz darauf gewesen und hatte es niemandem erzählt, nicht einmal Isabelle, da es albern klang.

Selina saß lange auf dem Boden ihres Flurs, mit dem Karton auf den Knien, und stellte fest, dass sie sich an das Gesicht nicht erinnern konnte. Nur an die Hände und an die Stimme.

Um sieben rief sie ein Taxi für den nächsten Abend. Als sie die Adresse durchgab, wiederholte die Frau in der Zentrale sie zweimal, und beim zweiten Mal klang sie anders.