Kapitel 1 — Die verborgene Einladung
Der Regen hatte aufgehört, aber die Wolken standen noch über der Stadt wie etwas, das man vergessen hatte wegzuräumen. Im Café an der Ecke brannte trübes Licht über den alten Holztischen, und Selina Moreau zählte die Regentropfen, die außen an der Scheibe hinunterliefen, da sie sonst angefangen hätte, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.
Sieben. Acht. Neun.
Vor ihr auf dem Tisch lagen zwei Dinge. Das eine war eine Einladung auf cremefarbenem Karton, in einer geschwungenen Schrift gedruckt, die aus einem anderen Jahrhundert stammen könnte. Das andere war eine Fotokopie.
Die Kopie war krumm, an der oberen Kante ausgefranst, und sie zeigte eine Seite Fließtext mit einer handschriftlichen Randnotiz. Die Handschrift war ihre eigene. Der Text war ihrer.
Es war Seite vierzehn einer Reportage, die vor fünf Jahren nie erschienen war und von der es, wie man ihr damals in drei Gesprächen versichert hatte, keine Kopie mehr gab. Nicht in der Redaktion. Nicht bei den Anwälten. Nirgends.
„Du kannst das unmöglich ernsthaft in Betracht ziehen.“ Isabelle Carter beugte sich über den Tisch, so weit, dass ihr Ärmel in die Kaffeepfütze geriet. Sie merkte es nicht. „Sag mir, dass du es nicht in Betracht ziehst.“
Selina drehte die Kopie mit einem Finger herum, damit Isabelle sie lesen konnte. „Das ist die dritte.“
„Die dritte was?“
„Die dritte Sendung. Vor drei Wochen kam Seite neun. Vor zwei Wochen Seite zwölf. Kein Absender, keine Nachricht, nur das Blatt in einem Umschlag, den jemand persönlich in meinen Briefkasten gelegt hat, denn er war nicht frankiert.“ Sie legte die Einladung daneben. „Und heute lag beides zusammen darin. Fass das Papier an.“
Isabelle fasste es nicht an. Sie sah es nur an, und ihr Gesicht wurde langsam schmal.
„Gleiches Papier“, sagte Selina. „Gleiche Stärke, gleiche Farbe. Wer mir meine eigene Reportage schickt, schickt mir auch die Einladung. Und es gibt genau einen Menschen, der beides haben kann, weil es genau einen Menschen gab, der meine Unterlagen bekommen hat, als sie aus der Redaktion verschwanden.“
„Damien Blackwood.“ Isabelle sprach den Namen aus, wie man einen Nagel in ein Brett schlägt.
„Damien Blackwood.“
Ein Kellner ging vorbei und stellte ohne zu fragen Wasser hin. Draußen fuhr ein Bus durch eine Pfütze, und für einen Augenblick verschwand die halbe Straße hinter grauem Wasser.
„Und was“, sagte Isabelle sehr ruhig, „willst du dort? Antworten? Selina, dieser Mann redet nicht, er verhandelt. Alles, was er sagt, kostet.“
„Ich will keine Antworten.“ Selina hörte selbst, wie fest ihre Stimme klang, und war überrascht darüber. „Ich will meine Arbeit. Es gibt sie noch. Achtzehn Monate Recherche, vierzig Seiten, elf Quellen, und man hat mir fünf Jahre lang erzählt, das alles sei vernichtet worden. Es ist nicht vernichtet worden. Es liegt irgendwo, jemand blättert darin, und dieser Jemand schickt mir Seiten daraus wie Brotkrumen.“
Isabelle lehnte sich zurück. Ihre blonden Locken hatten sich in der Feuchtigkeit gelöst, und sie strich sie mit einer harten Bewegung aus dem Gesicht. „Das ist es also. Nicht er. Die Reportage.“
„Ja.“
„Das hast du damals auch gesagt.“
Da war er. Der Satz, um den sie beide seit fünf Jahren herumgingen, wie man um ein Loch im Boden herumgeht.
„Isabelle.“
„Nein, jetzt sage ich es.“ Isabelle legte beide Hände flach auf den Tisch.
„Ich habe dir damals gesagt, dass er dich benutzt. Ich habe es dir zweimal gesagt, und beim zweiten Mal hast du mir gesagt, ich sei neidisch, weil ich seit vier Jahren über Bebauungspläne schreibe. Danach hast du drei Monate nicht mit mir geredet. Und als du dann angerufen hast, warst du schon nicht mehr Journalistin, sondern jemand, der abends Todesanzeigen setzt.“
Selina sah auf ihre Hände. Zehn Finger. Sie zählte sie trotzdem.
„Ich weiß.“
„Du weißt es nicht, sonst würdest du nicht wieder dorthin fahren.“
„Doch.“ Selina hob den Kopf. „Ich fahre gerade deshalb. Als sie mir die Geschichte weggenommen haben, habe ich geglaubt, ich hätte mich geirrt. Fünf Jahre lang habe ich geglaubt, ich sei einer Sache nachgelaufen, die es nicht gab, und deswegen hätte niemand sie drucken wollen.“
Sie tippte auf die Fotokopie. „Wenn das hier existiert, dann hatte ich recht. Und dann war ich nicht schlecht. Dann war ich nur zu teuer, und irgendjemand hat den Preis bezahlt.“
Isabelle schwieg lange. Draußen schob sich ein Streifen Helligkeit durch die Wolkendecke, fiel schräg über die nassen Tische auf dem Gehweg und war sofort wieder weg.
„Wenn er dir Seiten schickt“, sagte Isabelle schließlich, „dann will er etwas.“
„Ganz sicher.“
„Und du weißt nicht, was.“
„Nein.“
„Und trotzdem.“
„Und trotzdem.“ Selina schob die Einladung in ihre Manteltasche. Der Karton roch schwach nach Sandelholz, ein Geruch, den sie seit Jahren nicht mehr gerochen und in genau dieser Sekunde wiedererkannt hatte, mit dem ganzen Körper, wie einen Ton. Das ärgerte sie mehr als alles andere an diesem Vormittag.
Isabelle stand auf und zog ihren Mantel an, und weil sie wütend war, brauchte sie zwei Anläufe für den zweiten Ärmel. „Ein Abend.“
„Ein Abend.“
„Dann rufst du mich an, sobald du da bist. Und noch einmal, bevor du schlafen gehst. Und wenn du morgen früh um neun nicht dran gehst, komme ich mit der Polizei.“ Sie sagte es nicht als Scherz.
„Abgemacht.“
Isabelle blieb noch einen Moment stehen. Dann beugte sie sich vor und drückte kurz Selinas Schulter, härter als nötig. „Ich bin nicht neidisch gewesen“, sagte sie. „Damals. Ich hatte Angst.“
Sie ging, bevor Selina etwas erwidern konnte, und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Selina blieb sitzen, bis der Espresso kalt war. Dann nahm sie die Fotokopie und las sie noch einmal von oben, Zeile für Zeile, wie eine Fremde. Es war ein guter Absatz. Er benannte eine Zahlung, ein Datum und eine Firma, und am Rand stand in ihrer eigenen, damals noch ungeduldigeren Schrift: gegenprüfen, zweite Quelle, Donnerstag.
Sie hatte den Donnerstag nie erlebt. Am Mittwoch war der Anruf gekommen.
Zu Hause legte sie das Blatt auf den Küchentisch und die Einladung daneben, exakt parallel, Kante an Kante, wie zwei Beweisstücke. Sie sah sie eine Weile an. Dann holte sie den Schuhkarton vom Schrank, in dem die alten Fotos lagen und ein silbernes Armband, das sie seit fünf Jahren nicht angerührt hatte, und stellte ihn ungeöffnet wieder zurück. Nicht heute.
Am Abend schrieb sie Isabelle: Ich fahre.
Die Antwort kam nach elf Sekunden. Sie zählte sie mit.
Ich weiß.