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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 3 — Ankunft im Ungewissen


Der Regen hatte wieder aufgehört, aber die Straßen blieben schwarz und glänzend, und in jeder Pfütze lag eine zweite, verkehrte Stadt. Selina saß auf dem Rücksitz, die Einladung in der Manteltasche, das Notizbuch im Futter, und zählte Straßenlaternen, bis sie aufhörten.

Vierundzwanzig. Danach kam nur noch Wald.

„Die Villa Blackwood, ja?“ Der Fahrer sah in den Spiegel. „Da fährt man selten hin.“

„Offenbar doch.“

„Nicht raus.“ Er lachte kurz. „Rein schon.“

Sie antwortete nicht, und er ließ es dabei bewenden. Der Wagen bog von der Landstraße ab, und die Dunkelheit wurde dichter, so wie sie nur außerhalb der Stadt dicht wird, wo niemand ein Interesse an Licht hat.

Vor dem Tor hielt er an. Zwei Steinsäulen, dazwischen schwarzes, verschnörkeltes Eisen. Es sah nicht aus wie ein Eingang. Es sah aus wie ein Argument.

Der Fahrer drückte die Gegensprechanlage. Es kam keine Stimme, nur ein Klicken, und das Tor öffnete sich lautlos nach innen.

„Ab hier laufen Sie“, sagte er. „Steht so in meiner Anweisung.“

„Von wem haben Sie eine Anweisung?“

Er sah sie an, kurz, im Spiegel. „Von der Nummer, die die Fahrt bezahlt hat.“

Selina stieg aus. Die Luft roch nach nasser Erde und Buchsbaum. Hinter ihr fuhr das Taxi an, wendete in drei Zügen und war weg, und mit ihm das einzige Licht.

Sie ging. Der Kies knirschte unter ihren Schuhen, viel lauter, als er sollte, so laut, dass sie zwischendurch stehen blieb, nur um es aufhören zu lassen. Links und rechts standen alte Linden mit ineinandergewachsenen Kronen; dazwischen war es so dunkel, dass sie den Weg mehr unter den Sohlen spürte als sah.

Einmal raschelte etwas im Unterholz, blieb stehen, als sie stehen blieb, und ging weiter, als sie weiterging. Ein Tier, dachte sie. Sie zwang sich, den Gedanken nicht zu Ende zu denken.

Nach hundert Schritten hörte sie hinter sich das Tor.

Es fiel nicht ins Schloss. Es fuhr zu, mit einem gleichmäßigen elektrischen Summen, das genau so lange dauerte wie das Öffnen.

Sie zählte weiter.

Bei zweihundertsechzig kam die Villa aus den Bäumen. Stein und Licht, klassische Proportionen, große Fenster, dahinter Kronleuchter. Sie hatte das Haus in Erinnerung gehabt als etwas Schönes. Es war schöner, als sie es in Erinnerung gehabt hatte, und das war das Unangenehme daran.

Die Tür öffnete sich, bevor sie klopfen konnte. Ein älterer Mann im schwarzen Anzug, weiße Handschuhe, eine Verbeugung von wenigen Zentimetern.

„Frau Moreau. Willkommen. Darf ich Ihren Mantel nehmen?“

Drinnen war es warm. Es war die Art Wärme, die einen von allen Seiten anfasst, bis man vergisst, dass draußen ein Wetter ist. Der Marmor gab jeden ihrer Schritte doppelt zurück. An den Wänden hingen Porträts, und die Gesichter darauf waren alle in dieselbe Richtung gedreht, was einen unangenehmen Effekt hatte, wenn man daran vorbeiging.

„Herr Blackwood erwartet Sie später“, sagte der Butler. „Bis dahin darf ich Sie in den Festsaal bitten.“

Der Festsaal war voll. Vierzig, fünfzig Menschen, Frauen in Kleidern, die man nicht kauft, sondern anfertigen lässt, Männer mit dem ruhigen Gesichtsausdruck von Leuten, die nie warten müssen. Ein Kellner hielt ihr ein Tablett hin, und sie nahm ein Glas, nicht weil sie trinken wollte, sondern weil Hände ohne Gegenstand in solchen Räumen auffallen.

Ein Herr mit rosiger Gesichtsfarbe drehte sich zu ihr, als sie an seiner Gruppe vorbeiging, und musterte sie freundlich.

„Wir kennen uns nicht.“

„Nein.“

„Aus welchem Haus kommen Sie?“

Es war eine der Fragen, die in dieser Etage der Welt üblich sind und die für jemanden ohne Haus keine höfliche Antwort haben.

„Ich bin allein hier.“

„Oh.“ Er nickte, sofort desinteressiert, und wandte sich zurück in seine Runde. „Dann viel Vergnügen.“

Sie ging weiter und merkte, dass ihr das gefiel. Niemand hier hielt sie für jemanden. Wer für niemanden gehalten wird, kann arbeiten.

Sie stellte sich an den Rand und tat, was sie sieben Jahre lang getan hatte: Sie sah zu.

Drei Gruppen. Die größte um einen Mann mit rotem Gesicht, der laut sprach und dem niemand zuhörte. Eine kleinere um eine Frau in Grau, der alle zuhörten, ohne sie anzusehen. Und eine dritte, ganz hinten, die sich nicht als Gruppe verhielt, sondern als Aufstellung.

Dann drehte sich die Luft.

Sie hätte nicht sagen können, was sich zuerst geändert hatte, das Geräusch oder der Druck. Aber sie hob den Kopf, und auf der anderen Seite des Saals stand Damien Blackwood und sah sie an.

Fünf Jahre hatten ihm nichts genommen und nichts gegeben. Dieselbe Haltung, dieselbe Ruhe, die aussah wie Höflichkeit und keine war. Die eisgrauen Augen fanden sie über sechzig Menschen hinweg, ohne zu suchen, als hätte er die ganze Zeit gewusst, wo sie steht.

Er neigte den Kopf. Kaum sichtbar. Eine Bewegung, die zwischen Gruß und Bestätigung lag.

Selina erwiderte sie nicht. Sie sah weg, mit Absicht, und trank einen Schluck, und der Champagner schmeckte nach nichts.

Als sie wieder hinsah, war er in ein Gespräch verwickelt und drehte ihr die Schulter zu.

Gut, dachte sie. Dann eben so.

Sie bewegte sich durch den Raum, langsam, an den Wänden entlang, wie man sich in fremden Häusern bewegt, wenn man nicht sucht, sondern lernt. Zwei Türen zum Wintergarten. Eine Tür für das Personal, hinter einem Wandschirm. Eine Kamera über dem Kaminsims, in eine Stuckrosette eingelassen, so sauber eingebaut, dass man sie nur fand, wenn man Kameras suchte.

Sie fand sie.

Am Rand des Saals, neben dem Durchgang zur Halle, stand ein Mann, der als Einziger kein Glas hatte.

Groß. Grauer Bürstenschnitt. Ein Anzug, der nicht teuer aussehen wollte. Er stand da wie jemand, dessen Beruf das Stehen ist, und er sah nicht die Gäste an, sondern die Abstände zwischen ihnen.

Selina ging zu ihm, da sie den Ausgang suchte, und weil man Personal fragt.

„Entschuldigen Sie. Wo ist die Garderobe?“

Er drehte sich um.

Sie hörte die Stimme, bevor sie das Gesicht einordnen konnte, und die Stimme war das, was sie wiedererkannte: ruhig, angenehm, ohne jede Eile, eine Stimme, die noch nie hatte lauter werden müssen.

„Erster Bogen rechts, dann die zweite Tür“, sagte er. „Soll ich Sie hinbringen?“

Er stützte sich beim Sprechen leicht am Türrahmen ab. Selina sah auf seine Hand.

Breite Knöchel. Flach und schief zusammengewachsen.

Die Halle wurde weit und leise, und irgendwo hinter ihr lachte jemand über etwas.

„Sie waren in meiner Wohnung“, sagte sie.

Es war keine Frage, und sie hatte nicht vorgehabt, es auszusprechen.

Der Mann lächelte. Es war ein freundliches Lächeln, und es erreichte die Augen, und das war das Schlimmste daran.

„Willkommen zurück, Frau Moreau“, sagte Konrad Reiss.