Kapitel 3 — Verlorene Ankunft
Es wurde am siebzehnten November weiß, zwischen der zweiten und der dritten Stunde, und diesmal stand Hanna Berger unten an der Bucht und sah zu, wie es anfing.
Der Nebel kam nicht vom Meer herein. Er stand mit einem Mal da, über dem Wasser, in einer geraden Kante, die von Nordosten nach Südwesten lief, und wer die Linie kannte, konnte sie an diesem Morgen zum ersten Mal in der Luft sehen. Auf der einen Seite der Kante war klare Novemberluft und man sah bis zur Insel. Auf der anderen war nichts.
Hanna stand achtzig Schritt vom Wasser und schrieb die Uhrzeit auf, so gut sie sie hatte, und ihr Puls ging zu schnell, und sie schrieb auch das auf.
Bjarni kam von der Seite angelaufen und blieb neben ihr stehen und sagte nichts; er hatte begriffen, dass man in diesem Fall nichts sagte, sondern zuhörte.
Sie hörten anderthalb Stunden zu.
Zweimal war da etwas. Beim ersten Mal war es ein Geräusch wie Holz auf Holz, weit weg, dreimal hintereinander in gleichen Abständen, und Hanna zählte die Abstände mit ihrem eigenen Puls, wie sie es sich angewöhnt hatte, und kam auf etwas, das erschreckend gleichmäßig war.
Beim zweiten Mal war es eine Stimme, die einen einzelnen Ton hielt, und dann war der Nebel weg, so wie er gekommen war, und über dem Wasser stand die Sonne, und es war fünf Minuten vor der vierten Stunde und niemand hatte etwas verloren.
„Sie waren heute nicht nah“, sagte Bjarni.
„Woran merkst du das?“
„Wenn sie nah sind, hört man vier.“
Hanna schrieb drei auf ihren Streifen und ging hinunter zum Wasser, um die Fundlinie abzugehen, und das war der Grund, aus dem sie Emily fand, und nicht Freydis oder ein Hund oder gar niemand.
Der Tang lag in einem Band entlang der Flutmarke, wie an jedem Morgen, und darin lag, wie an jedem Morgen seit dem Herbst, was nicht hineingehörte. Sie kannte das inzwischen. Sie ging es ab, wie man ein Feld abgeht, mit dem Korb am Arm.
Ein Stück blaues Tauwerk, gedreht aus etwas, das kein Hanf war.
Eine Blechdose ohne Beschriftung, aufgerissen und leer.
Ein Wollhandschuh für ein Kind, nass, mit einem gestickten Tier darauf.
Und dreißig Schritt weiter, wo der Kies grob wurde, saß eine junge Frau im Tang und hielt sich mit beiden Händen an einem Stein fest.
Sie trug eine Hose aus blauem, festem Stoff und eine Jacke, die glänzte, und auf dem Rücken einen Sack mit Riemen, an dem Streifen befestigt waren, die im Licht zurückwarfen. An einem Fuß hatte sie einen Schuh. Der andere Fuß war nackt und blau, und sie hatte ihn im Kies eingegraben, ohne es zu merken.
Hanna blieb stehen, wo sie war.
Sie hatte sich das oft genug ausgemalt, um zu wissen, dass sie es sich falsch ausgemalt hatte. Sie hatte an ein Gespräch gedacht. Sie hatte nicht daran gedacht, dass sie den Korb fallen lassen würde.
„Hallo“, sagte Hanna.
Die Frau riss den Kopf hoch.
„Ich verstehe kein –“ Sie brach ab. Ihr Gesicht ging auseinander wie etwas, das reißt. „Sie –“
„Ja.“
„Sie haben Deutsch gesagt.“
„Ja“, sagte Hanna Berger, und dann musste sie sich hinsetzen, mitten im nassen Tang, und es dauerte einen Moment, bis sie weitersprechen konnte, und das kam nicht von der Kälte.
Zwei Jahre und einen Monat. In zwei Jahren und einem Monat hatte sie mit genau einem Menschen in ihrer eigenen Sprache gesprochen, und der hatte ihr dabei ein Dorf gestohlen.
„Ich heiße Hanna“, sagte sie. „Können Sie aufstehen?“
„Ich weiß nicht.“
„Dann bleiben Sie sitzen und atmen Sie. Wie heißen Sie?“
„Emily.“ Die Frau starrte auf ihre eigene Hand am Stein, als gehörte sie jemand anderem. „Emily Rahn.“
„Emily. Wie lange sitzen Sie hier?“
„Zwanzig Minuten. Vielleicht eine halbe Stunde.“
Hanna sah zur Flutmarke hinüber, an der sie vor anderthalb Stunden entlanggegangen war und in der niemand gesessen hatte, und dann auf den Tang, der über Emilys Beinen lag und angetrocknet war, und dann auf das Salz in ihrem Haar, das trocken und weiß war.
„Gut“, sagte sie und schrieb nichts auf.
Sie brachte sie nicht heimlich ins Dorf.
Sie ging mit ihr den Hauptweg hinauf, langsam, da Emily nur einen Schuh hatte, und sie kamen an Gudruns Haus vorbei und an der neuen Schmiede und über den halben Platz, und siebzehn Leute sahen es, und Hakon kam heraus und sah es auch und ging wieder hinein und kam mit einem Paar Stiefel zurück, die seiner toten Frau gehört hatten, und stellte sie wortlos vor die Tür.
Hanna hatte in einer Nacht im Januar gelernt, was Verstecken kostet, und machte den Fehler nicht zweimal.
Drinnen setzte sie Emily ans Feuer, wickelte ihr den Fuß in Fell, gab ihr heißes Wasser mit Honig – Milch wäre zu viel gewesen – und wartete, bis das Zittern von Kälte kam und nicht mehr von etwas anderem.
„Sie sind Archäologin“, sagte Emily irgendwann.
Hanna sah auf.
„Sie haben vorhin die Dose angesehen und dabei den Rand mit dem Daumen abgefahren.“ Emily zog die Schultern hoch. „Das macht man nicht, wenn man Müll findet. Das macht man, wenn man datiert.“
Und da hätte Hanna beinahe zum zweiten Mal an diesem Tag angefangen zu weinen, und stattdessen lachte sie, kurz und hässlich, und Emily sah sie erschrocken an.
„Entschuldigung“, sagte Hanna. „Es ist nur – es hat zwei Jahre lang niemand gemerkt.“
Sie redeten bis in den Nachmittag.
Emily Rahn war vierundzwanzig, im dritten Jahr Skandinavistik, und hatte ein Praktikum in einem Depot gemacht, denn Praktika in Depots sind das, was man in diesem Fach macht. Kiste zweihundertelf, Küstenfunde, Altbestand, schlecht erfasst. Darin hatte, zwischen zwei Nägeln und einem Gewichtsstein, eine Scheibe gelegen.
„Ich habe Handschuhe getragen“, sagte Emily. „Ich schwöre Ihnen, ich habe Handschuhe getragen. Ich habe sie umgedreht, um die Rückseite zu fotografieren, und der Handschuh war an der Kuppe aufgerissen, und ich habe es nicht gemerkt.“
„Und dann?“
„Dann war es hell.“ Sie sah ins Feuer. „Nicht dunkel. Hell. Und dann Wasser.“
Hanna rechnete beim Zuhören; sie konnte nicht anders. Vierundzwanzig. Die Hände waren älter als das Gesicht, nicht viel, und um die Augen lagen Linien, die mit vierundzwanzig noch keiner hat. Drei, vier Jahre, schätzte sie, für einen einzigen Schritt. Sie schrieb es am Abend auf, mit dem Wort geschätzt dahinter.
Sie holte die Scheibe aus dem Rucksack und legte sie auf den Tisch, und Hanna Berger sah sie an und sagte eine Weile gar nichts.
Sie war größer als ihre eigene gewesen war und heller, fast gelb, und die Zeichen standen anders – enger, mit einem doppelten Rand außen herum. Aber sie standen im Kreis, und sie waren neun, und Hanna hätte das nicht nachzählen müssen und zählte trotzdem, zweimal, wie sie alles zweimal zählte.
Neun Runen. Acht davon glommen, schwach, wie Kohle unter Asche.
Eine war grau.
„Was bedeutet das?“, fragte Emily.
„Das bedeutet, dass es kein Tor ist und kein Schlüssel.“ Hanna sagte es langsam; sie hatte es seit einem Jahr niemandem mehr erklären müssen. „Es ist ein Weg mit gezählten Schritten: neun Runen, neun Male. Jeder Gebrauch verbrennt eines, und was verbrannt ist, kommt nicht wieder. Sie haben eines verbrannt, als Sie herkamen. Sie haben acht.“
„Dann kann ich zurück.“
„Nein.“
„Sie haben gerade gesagt –“
„Ich habe gesagt, Sie haben acht Schritte.“ Hanna schob die Scheibe zu ihr hinüber. „Ich habe nicht gesagt, dass Sie zielen können. Es gibt einen Mann an dieser Küste, der acht davon ausgegeben hat. Er ist beim neunten angekommen, und der neunte ist der letzte, und er ist immer noch hier.“
Es war lange still. Draußen fing es an zu regnen, in dem schrägen Novemberregen, der aus Salz zu bestehen scheint.
„Welches Jahr ist bei Ihnen?“, fragte Hanna schließlich.
Emily sagte es.
Hanna nahm einen Streifen und schrieb es auf und zog davon das Jahr ab, in dem sie an einem Regennachmittag im Oktober in einer Höhle unter dieser Wiese gestanden hatte, und sah eine Weile auf das Ergebnis.
„Neunzehn Jahre“, sagte sie.
„Neunzehn Jahre seit was?“
„Seit ich verschwunden bin.“ Sie legte den Stift hin. „Emily. Die Kiste zweihundertelf. Stand auf der Karte ein Ausgräber?“
„Auf der alten Karte, ja. Handschriftlich, unter dem Fundort.“ Emily runzelte die Stirn. „Warum?“
„Bitte.“
„Reimers“, sagte Emily Rahn. „Dr. J. Reimers. Der Name steht auf der Hälfte aller Kisten in dem Depot, wir haben Witze darüber gemacht. Der Mann muss sein halbes Leben an derselben Küste gegraben haben.“
Draußen ging der Regen in Schnee über.
Hanna Berger saß an ihrem Tisch, in einem Haus aus Torf, tausend Jahre von einem Depot entfernt, in dem ein Mann seit neunzehn Jahren Kisten füllte, und begriff zum ersten Mal seit zwei Jahren, dass jemand sie noch suchte.
Und dass an derselben Küste ein Mann saß, der seine eigenen acht schon ausgegeben hatte und besser als jeder andere wusste, was acht Zeichen wert waren, die noch brannten.