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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1 — Unruhige Vorzeichen


Am neunten Tag im November ging Hanna Berger mit der Schnur über den Platz, wie an jedem neunten Tag seit dem Herbst, und die zweite Linie war drei Handbreit.

Im September war sie eine gewesen. Im Oktober zwei. Sie maß an derselben Stelle, zwischen dem Brunnen und dem dritten Pfosten des neuen Speichers, und sie maß zweimal, wie sie alles zweimal maß, was sie nicht glauben wollte, und beide Male kam dasselbe heraus.

Eine Handbreit im Monat. Das war keine Zahl, über die man sich aufregen musste. Es war eine Zahl, die man verlängern konnte, und Hanna hatte sie im Oktober verlängert: In drei Jahren stand die Linie an den ersten Hauswänden. Danach hatte sie zwei Nächte schlecht geschlafen.

Der graue Weg lag daneben und rührte sich nicht. Er war drei Männer breit, seit April, und das Gras darauf war jedes Jahr zuerst gelb, und im Sommer hatten Kinder darauf gespielt, weil Kinder auf allem spielen. Er war eine Narbe. Narben tun nichts.

Die zweite Linie tat etwas.

Sie kreuzte den grauen Weg in einem Winkel, in dem niemand jemals etwas angelegt hatte, und sie lief von Nordosten nach Südwesten, aus dem Meer heraus und in die Berge hinein, quer zu allem, was Skjoldheim kannte. Auf ihr war das Gras nicht tot. Es war nur eine Woche voraus, und im November hieß das: gelb, wenn daneben noch grün stand.

Hanna rollte die Schnur auf und ging die Linie ab, hinunter zur Bucht, wie sie es jetzt jedes Mal tat.

Sie fand vier Dinge.

Das erste war eine Dolle aus einem hellen, schweren Metall, mit einer Kante, die kein Schmied dieser Welt gemacht hatte. Sie hatte den Winkel unter dem Daumen und wusste, was ein Fräsrand ist, und sie war die einzige Frau an dieser Küste, die das wusste. Sie war in einer Zeit aufgewachsen, die tausend Jahre nach dieser kam, und vor zwei Jahren aus ihr herausgefallen.

Das zweite war ein Schuh. Halb im Boden, die Sohle nach oben, und die Sohle war profiliert und ausgegossen und trug an der Ferse eine Zahl.

Das dritte war ein Streifen Segeltuch, handbreit, an einem Ende gerissen. Er lag vierhundert Schritt vom Wasser entfernt auf dem gefrorenen Gras, und er war nass, und Hanna nahm ihn auf und legte ihn sich an die Lippen, ehe sie darüber nachdachte, ob sie das wollte.

Es war Salzwasser.

Das vierte fand sie erst auf dem Rückweg und es war das einzige, das sie mitnahm: ein Stück Holz, eine Handspanne lang, gebogen, an einer Seite gehobelt und an der anderen von etwas abgeschliffen, das jahrelang darüber gelaufen war.

Es roch nach Teer. Es war kein Treibholz, es war ein Teil von etwas, und Hakon sah es sich am Nachmittag an und drehte es dreimal um und sagte dann, es sei aus einem Boot, und zwar aus einem größeren, als hier je eines gelegen habe.

„Wie alt?“, fragte Hanna.

„Der Teer ist frisch.“ Hakon gab es ihr zurück. „Der Teer ist so frisch, dass ich ihn heute morgen aufgetragen haben könnte.“

Sie schrieb es auf. Sie hatte inzwischen zwei Körbe Rinde und einen dritten angefangen und schrieb in ordentlichen Spalten: was, wo, wann, wie weit von der Linie. Vierundzwanzig Fundstücke seit dem Herbst. Alle innerhalb von zwei Schritt neben der Linie. Keines davon aus dieser Welt und drei davon aus keiner, die sie kannte.

Am Abend fand sie Bjarni am Rand der Bucht, wo er nichts zu suchen hatte.

Er war zehn und seit dem Frühjahr wieder ein Junge, der acht Stunden schlief und nach acht Stunden aufwachte, und Ingrid ließ ihn deshalb weiter laufen, als sie sollte: Sie hatte ihn ein halbes Jahr lang festgehalten und musste es sich abgewöhnen.

Er saß auf einem umgedrehten Rumpf und summte.

Hanna blieb stehen, wo sie stand.

Es war eine Melodie mit vier Tönen am Anfang, die nach oben gingen, und dann fiel sie ab und fing wieder von vorne an, und Hanna kannte sie so gut, dass sie sie in einem Auto mitgesungen hatte, auf einer Landstraße, mit heruntergelassenem Fenster, in einem Sommer, den es seit tausend Jahren nicht gab.

Sie ging langsam hin und setzte sich neben ihn.

„Wo hast du das her?“

„Von den Männern im Boot.“

Hanna sah aufs Wasser. Es war fast dunkel, und über der Bucht stand kein Nebel, und draußen war nichts als graue See bis zur ersten Insel.

„Welchen Männern?“

„Wenn es weiß ist.“ Bjarni sagte es, wie Kinder Selbstverständliches sagen, ein wenig ungeduldig. „Dann sind sie da. Sie rudern und einer singt vorne. Man hört sie nicht richtig, es ist wie durch eine Wand. Aber das da ist der Anfang.“

Er summte die vier Töne noch einmal.

„Bjarni. Wie oft?“

Der Junge dachte nach, und er tat es ordentlich; er war ein Kind aus einem Dorf, in dem inzwischen vier Leute Zahlen schreiben konnten.

„Fünfmal seit dem Erntefest. Immer wenn es weiß ist. Nicht jedes Mal, wenn es weiß ist.“

„Hast du das jemandem gesagt?“

„Meiner Mutter.“

„Und?“

„Sie hat gesagt, ich soll es dir sagen.“ Bjarni ließ die Fersen gegen den Rumpf schlagen. „Sie hat gesagt, du wirst es aufschreiben, und dann ist es nicht mehr schlimm.“

Hanna saß eine Weile still.

„Das stimmt ungefähr“, sagte sie.

Sten der Jüngere kam am selben Abend zu ihr, und das war das Ungewöhnliche, denn Sten kam nie zu ihr. Er stand in der Tür und wollte nicht hereinkommen und redete von der Schwelle aus, mit der Mütze in der Hand, wie ein Mann, der eine Sache loswerden will, ohne dass sie ihm gehört.

„Ich habe ein Schiff gesehen.“

„Wann?“

„Dreimal. Am Vollmond nach dem Erntefest, dann elf Tage später, dann vorgestern.“ Er drehte die Mütze. „Immer im Nebel. Immer in derselben Entfernung, so weit wie von hier zum Ostgrat. Immer mit demselben Wind im Segel.“

„Und?“

„Es gab vorgestern keinen Wind.“

Hanna legte den Kohlestift hin.

„Es kommt herein“, sagte Sten. „Es kommt jedes Mal herein, und es kommt jedes Mal genauso weit, und dann ist der Nebel weg und es ist auch weg. Es kommt herein und es kommt nicht an.“ Er sah auf seine Mütze. „Meine Großmutter hat einen Namen dafür gehabt. Ich habe es für Gerede gehalten.“

„Welchen Namen?“

„Den ewigen Drakkar.“ Sten sagte es leise, als koste es etwas. „Sie hat gesagt, wer ihn dreimal sieht, sieht ihn sein Leben lang.“

Hanna nahm einen frischen Streifen Rinde und schrieb oben die drei Daten hin, die Sten ihr gegeben hatte, und rechnete die Abstände aus.

Neunundzwanzig Tage. Elf Tage. Achtzehn Tage.

Das war kein Muster, das ein Mensch im Kopf sieht. Aber es war auch kein Zufall, denn Zufall sieht anders aus, und Hanna Berger hatte einen Winter damit verbracht, den Unterschied auf Birkenrinde zu lernen.

Sie brauchte mehr Daten, und sie wusste, wo sie welche bekam: bei einem Jungen, der nachts an der Bucht saß und zuhörte, und bei einem Fischer, der jetzt hinsehen würde; sie hatte ihn darum gebeten.

Ganz oben auf den Streifen schrieb sie das Wort, das seit einem Januar über allen ihren Spalten stand – Chronoriss –, und setzte einen Strich dahinter.

Dann schrieb sie in ihrer eigenen Sprache daneben: zweite Linie. Keine Wunde. Etwas anderes.

Die Nacht blieb klar, und Hanna saß bis spät am Tisch und wartete auf Nebel, was sie sich selbst nicht eingestand. Am nächsten Morgen sagte die alte Rannveig dasselbe wie Sten, mit weniger Höflichkeit, quer über den halben Platz, und sie sagte auch, was ihre Großmutter dazu gesagt hatte: dass man ihm nicht winken solle.